
Erfolgreiche Produktentwicklung beginnt nicht mit einer brillanten Idee, sondern mit dem systematischen Widerlegen von Annahmen über den Markt.
- Unterscheiden Sie in Interviews zwischen echtem Schmerz und reiner Höflichkeit, indem Sie nach vergangenem Verhalten fragen.
- Analysieren Sie, wie Kunden ihr Problem heute lösen – oft mit Excel, manuellen Prozessen oder gar nicht.
Empfehlung: Fordern Sie „Skin in the Game“ (z. B. eine kleine Vorauszahlung oder eine schriftliche Absichtserklärung), um das Commitment potenzieller Kunden zu testen, bevor Sie auch nur eine Zeile Code schreiben.
Die grösste Angst eines jeden Produktmanagers oder Gründers ist, Monate oder gar Jahre an einem Produkt zu arbeiten, nur um festzustellen, dass es niemand braucht oder kaufen will. Es ist der klassische Grund, warum so viele vielversprechende Vorhaben scheitern. Oft wird geraten, einfach einen Prototypen zu bauen oder mit potenziellen Kunden zu sprechen. Doch diese Ratschläge greifen zu kurz. Ohne eine systematische Herangehensweise führen Kundeninterviews zu Bestätigungsfehlern und Prototypen verbrennen wertvolles Kapital für unbewiesene Hypothesen.
Die landläufige Meinung konzentriert sich auf das „Was“ – die Produktidee. Doch die wirklich entscheidende Frage ist das „Wer“ und das „Warum“. Wer hat ein Problem, das so schmerzhaft ist, dass er bereit ist, dafür zu bezahlen? Und warum ist Ihre Lösung besser als die Alternativen, die heute bereits existieren, selbst wenn diese Alternativen „nichts tun“ oder eine umständliche Excel-Tabelle sind? Effektive Marktvalidierung ist kein kreativer Akt der Hoffnung, sondern ein evidenzbasierter Prozess der Risikominimierung. Es geht darum, die kritischsten Annahmen Ihres Geschäftsmodells mit möglichst geringem Aufwand zu testen.
Der Schlüssel liegt darin, die richtigen Fragen zu stellen und Kaufsignale von reiner Höflichkeit zu unterscheiden. Dieser Wandel in der Denkweise – weg von „Wie kann ich mein Produkt verkaufen?“ hin zu „Welches Problem existiert wirklich und ist es wert, gelöst zu werden?“ – ist fundamental. Es bedeutet, sich in die Rolle eines neugierigen Forschers zu begeben, nicht in die eines Verkäufers. Ziel ist es, Beweise zu sammeln, nicht Meinungen.
Dieser Artikel führt Sie durch einen strukturierten Prozess, um Ihren Zielmarkt rigoros zu validieren. Wir werden die häufigsten Fallstricke aufdecken, von der Fehleinschätzung der Marktgrösse bis zur Verwechslung von Hype mit echten Marktverschiebungen, und Ihnen konkrete Werkzeuge an die Hand geben, um sicherzustellen, dass Sie für einen echten Bedarf und nicht für eine Leerstelle im Markt entwickeln.
Um diesen Prozess systematisch anzugehen, haben wir den Leitfaden in acht logische Schritte unterteilt. Jeder Abschnitt baut auf dem vorherigen auf und führt Sie von der abstrakten Marktbetrachtung bis hin zum konkreten, zahlenden Kunden.
Inhaltsverzeichnis: Wie Sie Ihren Markt validieren, bevor Sie investieren
- Warum ist Ihr „adressierbarer Markt“ viel kleiner als Sie denken?
- Wie stellen Sie Fragen, die echte Schmerzpunkte aufdecken und nicht nur Höflichkeit erzeugen?
- Indirekte vs. direkte Konkurrenz: Wer löst das Problem des Kunden heute schon anders?
- Das Risiko, eine Nische zu wählen, die zwar profitabel, aber nicht skalierbar ist
- Wann ist ein Trend ein Hype und wann eine langfristige Marktverschiebung?
- Warum sind „1 % vom Weltmarkt“ keine valide Basis für Ihre Umsatzplanung?
- Wie unterscheiden Sie einen Neugierigen von einem Entscheider mit Budget in 5 Minuten?
- Wie führen Sie einen Proof-of-Concept (PoC) durch, der zahlende Kunden überzeugt?
Warum ist Ihr „adressierbarer Markt“ viel kleiner als Sie denken?
Eine der gefährlichsten Illusionen in der frühen Phase der Produktentwicklung ist die Überschätzung der Marktgrösse. Sätze wie „Der globale Markt für X beträgt 50 Milliarden Dollar“ klingen beeindruckend, sind für die strategische Planung jedoch wertlos. Sie ignorieren die Realität von Wettbewerb, Akquisitionskosten und der tatsächlichen Erreichbarkeit von Kunden. Studien belegen, dass über 90 % aller Startups innerhalb von drei Jahren scheitern, oft weil der angenommene Markt sich als Fata Morgana entpuppt.
Der Schlüssel liegt darin, von einer Top-Down- zu einer Bottom-up-Analyse zu wechseln. Statt von einer grossen Marktzahl auszugehen, beginnen Sie mit der kleinsten, greifbarsten Einheit: dem einzelnen, idealen Kunden. Wer sind die ersten 10, 50 oder 100 Kunden, die Sie realistisch erreichen und überzeugen können? Diese Denkweise zwingt Sie, über konkrete Kanäle, umsetzbare Marketingstrategien und echte Kundensegmente nachzudenken, anstatt in abstrakten Zahlen zu verharren.
Ihr adressierbarer Markt (TAM) ist theoretisch, aber Ihr tatsächlich erreichbarer Markt (SOM – Serviceable Obtainable Market) ist das, was zählt. Er berücksichtigt Ihre Ressourcen, Ihren Vertriebsansatz und Ihre geografische Reichweite in den ersten 12-24 Monaten. Ein kleiner, aber gut definierter und erreichbarer Markt, in dem Sie schnell zur dominanten Lösung werden können, ist weitaus wertvoller als ein winziger Anteil an einem riesigen, fragmentierten Ozean. Die Frage ist nicht „Wie gross ist der Markt?“, sondern „Welchen Teil des Marktes kann ich realistisch und profitabel für mich gewinnen?“.
Die Fokussierung auf einen präzisen, erreichbaren Markt in der Anfangsphase reduziert nicht nur das Risiko, sondern schärft auch Ihr Wertversprechen und Ihre Produkt-Roadmap. Sie bauen für eine spezifische Gruppe mit einem spezifischen Problem, was die Grundlage für späteren Erfolg und Expansion legt.
Wie stellen Sie Fragen, die echte Schmerzpunkte aufdecken und nicht nur Höflichkeit erzeugen?
Das Mantra „Sprich mit deinen Kunden“ ist zwar richtig, aber gefährlich unvollständig. Die meisten Menschen sind höflich. Wenn Sie ihnen eine Idee präsentieren, werden sie nicken und sagen: „Das klingt interessant.“ Diese Höflichkeitssignale sind wertlos und führen zu falschen positiven Ergebnissen. Das Ziel eines Validierungsinterviews ist es nicht, Ihre Idee zu pitchen, sondern die Welt des Kunden zu verstehen. Sie sind ein Forscher, kein Verkäufer.
Der effektivste Ansatz hierfür ist die Jobs-To-Be-Done (JTBD) Methodik. Sie konzentriert sich nicht auf das Produkt, sondern auf den „Job“, den der Kunde erledigen möchte. Fragen Sie nicht: „Würden Sie unser Produkt kaufen?“. Fragen Sie stattdessen nach der Vergangenheit: „Erzählen Sie mir, wie Sie das letzte Mal versucht haben, [Problem X] zu lösen. Was war daran frustrierend?“. Wie auch HubSpot in seinen Leitfäden für Kundeninterviews betont, decken Fragen nach vergangenem Verhalten tatsächliche Schmerzpunkte auf, während Fragen nach zukünftigen Absichten nur Spekulationen und soziale Erwünschtheit produzieren.
Hören Sie genau auf die Worte, die sie benutzen. Beschreiben sie einen echten Kampf? Erwähnen sie Workarounds, die sie entwickelt haben? Sprechen sie über die emotionalen Konsequenzen des Problems (Frust, Zeitverlust, Sorgen)? Das sind die Goldnuggets. Ein echter Schmerzpunkt äussert sich oft in Geschichten über gescheiterte Versuche und Kompromisse. Wenn ein Kunde keine spezifische, frustrierende Geschichte erzählen kann, ist das Problem wahrscheinlich nicht gross genug.

Wie dieses Bild eines fokussierten Gesprächs andeutet, geht es um aktives Zuhören und das Stellen von bohrenden Nachfragen. „Warum war das wichtig für Sie?“, „Was ist dann passiert?“, „Wie hat sich das angefühlt?“. Ihr Ziel ist es, die Kausalkette zu verstehen, die zu einer Kaufentscheidung führen könnte. Vermeiden Sie Suggestivfragen und bleiben Sie neutral. Lassen Sie den Kunden 90 % der Zeit reden.
Am Ende eines guten Interviews sollten Sie nicht nur wissen, ob Ihre Idee potenziell nützlich ist, sondern auch, welche Sprache Ihre Zielkunden verwenden, welche Konkurrenzlösungen sie heute nutzen und welche Ergebnisse sie sich wirklich von einer Lösung erhoffen.
Indirekte vs. direkte Konkurrenz: Wer löst das Problem des Kunden heute schon anders?
Wenn Produktmanager an Wettbewerb denken, fokussieren sie sich oft ausschliesslich auf die direkte Konkurrenz – also Unternehmen, die ein sehr ähnliches Produkt anbieten. Dies ist ein kritischer, aber unvollständiger Blickwinkel. Die weitaus wichtigere Frage in der frühen Validierungsphase lautet: „Wenn ein Kunde mein Produkt nicht kauft, was tut er stattdessen?“. Die Antwort darauf enthüllt Ihre wahre Konkurrenz, die oft unsichtbar ist.
Ihre stärkste Konkurrenz ist häufig nicht ein anderes SaaS-Tool, sondern eine Kombination aus manuellen Prozessen, Excel-Tabellen, E-Mail-Ketten oder schlicht „Nichts-tun“. Diese indirekten und Ersatz-Lösungen sind deshalb so gefährlich, weil sie die Trägheit des Status quo repräsentieren. Um einen Kunden zu gewinnen, muss der Schmerzpunkt, den Sie lösen, grösser sein als der Aufwand, von diesen etablierten, wenn auch ineffizienten, Gewohnheiten abzuweichen. Wie das Founders Playbook treffend feststellt, scheitern die meisten Startups nicht an der Konkurrenz, sondern daran, dass sie ein Produkt bauen, das keiner wirklich will.
Die meisten Startups scheitern, weil sie ein Produkt bauen, das keiner haben will
– Founders Playbook, The Founders Playbook – Validation Phase
Eine tiefgehende Analyse dieser Alternativen ist unerlässlich. Sie zeigt Ihnen, welche Features wirklich „Must-haves“ sind, um den bestehenden Workflow zu schlagen, und wo die grössten Hürden für die Adoption liegen. Ein systematischer Vergleich, wie er in der folgenden Tabelle dargestellt wird, hilft dabei, die verschiedenen Wettbewerbsdimensionen zu strukturieren und gezielte Erkenntnisse abzuleiten.
| Konkurrenztyp | Beispiele | Analysemethode | Erkenntnisse |
|---|---|---|---|
| Direkte Konkurrenz | Ähnliche SaaS-Lösungen | Feature-Vergleich, Preisanalyse | Differenzierungspotenzial |
| Indirekte Konkurrenz | Excel, manuelle Prozesse | Workflow-Analyse beim Kunden | Adoption-Hürden verstehen |
| Ersatz-Lösungen | ‚Nichts tun‘, Problem ignorieren | Kosten-Nutzen-Interviews | Dringlichkeit des Problems |
Indem Sie verstehen, wie Kunden ihr Problem heute lösen, verstehen Sie auch, was es braucht, um sie zu einer Veränderung zu bewegen. Oft ist der grösste Gegner nicht ein anderes Unternehmen, sondern die menschliche Gewohnheit.
Das Risiko, eine Nische zu wählen, die zwar profitabel, aber nicht skalierbar ist
Die Wahl einer Nische ist ein bewährter Weg, um mit begrenzten Ressourcen in einen Markt einzutreten. Sie ermöglicht es, ein tiefes Verständnis für eine spezifische Kundengruppe zu entwickeln und ein hochrelevantes Produkt zu schaffen. Doch eine Nische birgt auch eine strategische Falle: Was passiert, wenn der Markt zwar profitabel, aber zu klein ist, um langfristiges Wachstum oder Investitionen zu rechtfertigen? Dies ist ein zentraler Aspekt, denn laut Analysen ist der häufigste Grund für Startup-Scheitern ein fehlender Product-Market-Fit, was oft mit einer falschen Marktwahl zusammenhängt.
Ein skalierbarer Markt ist nicht nur eine Frage der Anzahl potenzieller Kunden. Es geht auch um die Struktur des Marktes und die Dynamik der Kundengewinnung. Ein Markt, der aus Tausenden von kleinen, schwer erreichbaren Kunden besteht, die jeweils individuelle Anpassungen benötigen, ist kaum skalierbar. Im Gegensatz dazu kann ein Markt mit weniger, aber grösseren Kunden, die über standardisierte Kanäle erreicht werden können und von Netzwerkeffekten profitieren, enormes Potenzial haben.
Die Kunst besteht darin, eine „Brückenkopf-Nische“ zu finden – einen ersten, kleinen Markt, der als Ausgangspunkt für die Expansion in angrenzende, grössere Märkte dient. Denken Sie an Amazon, das mit Büchern begann, oder an Facebook, das sich anfangs nur auf Harvard-Studenten konzentrierte. Die entscheidende Frage bei der Wahl der Nische ist nicht nur „Kann ich hier Geld verdienen?“, sondern „Wohin führt mich dieser erste Schritt?“. Sie müssen von Anfang an eine Hypothese darüber haben, wie Sie von Nische A zu Nische B und C expandieren können.
Um die Skalierbarkeit einer potenziellen Nische zu bewerten, sollten Sie sich eine Reihe kritischer Fragen stellen. Diese helfen dabei, über den kurzfristigen Profit hinauszudenken und das langfristige Potenzial realistisch einzuschätzen.
Ihr Plan zur Bewertung der Nischen-Skalierbarkeit
- Kann der Kundengewinnungsprozess automatisiert werden?
- Existieren Netzwerkeffekte in dieser Nische?
- Ist der TAM gross genug für VC-Investitionen (>100M€)?
- Lässt sich die Lösung ohne individuelle Anpassungen verkaufen?
- Gibt es natürliche Expansionspfade in angrenzende Märkte?
Eine Nische sollte ein strategischer Startpunkt sein, kein goldenes Gefängnis. Die Balance zwischen anfänglichem Fokus und langfristiger Vision entscheidet über den nachhaltigen Erfolg Ihres Produkts.
Wann ist ein Trend ein Hype und wann eine langfristige Marktverschiebung?
Produktmanager stehen ständig unter dem Druck, auf neue technologische Trends wie KI, Blockchain oder das Metaverse aufzuspringen. Doch blind einem Trend zu folgen, ist riskant. Viele Trends entpuppen sich als kurzlebige Hypes, die hohe Investitionen verschlingen, ohne nachhaltigen Wert zu schaffen. Die Fähigkeit, einen oberflächlichen Hype von einer fundamentalen, langfristigen Marktverschiebung zu unterscheiden, ist eine entscheidende Kompetenz für die strategische Produktplanung.
Ein Hype ist oft durch überzogene Erwartungen, intensive Medienberichterstattung und einen Mangel an konkreten, profitablen Anwendungsfällen gekennzeichnet. Eine langfristige Marktverschiebung hingegen wird durch tiefgreifende Veränderungen im Kundenverhalten, in der zugrundeliegenden Technologie oder in den regulatorischen Rahmenbedingungen angetrieben. Sie löst ein echtes, bestehendes Problem auf eine 10x bessere Art und Weise.
Anstatt auf den Trend selbst zu schauen, sollten Sie „Second-Order Thinking“ anwenden: Fragen Sie sich nicht „Wie kann ich KI in meinem Produkt nutzen?“, sondern „Welche neuen Kundenprobleme oder -möglichkeiten entstehen durch die breite Verfügbarkeit von KI?“. Wie eine Analyse von Schweizer Startups zeigt, ist das richtige Timing entscheidend – viele gute Produkte scheitern, weil sie zur falschen Zeit kommen. Erfolgreiche Innovatoren fokussieren sich auf die Konsequenzen eines Trends, nicht auf den Trend selbst. Sie analysieren, wie sich Arbeitsabläufe, Erwartungen und Wertschöpfungsketten verändern, und positionieren ihr Produkt, um von diesen nachgelagerten Effekten zu profitieren.

Visuelle Modelle wie der Gartner Hype Cycle können dabei helfen, die Reife einer Technologie einzuordnen. Die wirklich nachhaltigen Geschäftsmöglichkeiten liegen oft nicht auf dem „Gipfel der überzogenen Erwartungen“, sondern im „Tal der Enttäuschungen“ oder auf dem „Pfad der Erleuchtung“, wenn die Technologie beginnt, reale Probleme zu lösen. Beobachten Sie, wo echtes Geld investiert wird und wo Kunden beginnen, ihr Verhalten dauerhaft zu ändern.
Letztendlich ist ein Trend nur dann relevant, wenn er Ihnen hilft, ein Kundenproblem besser, schneller oder günstiger zu lösen. Konzentrieren Sie sich auf das Problem, nicht auf die Technologie, und Sie werden Hypes von echten Chancen unterscheiden können.
Warum sind „1 % vom Weltmarkt“ keine valide Basis für Ihre Umsatzplanung?
Die „1 % vom Weltmarkt“-Argumentation ist ein rotes Tuch für jeden erfahrenen Investor und ein sicheres Zeichen für eine oberflächliche Marktanalyse. Diese Top-Down-Rechnung ignoriert die wichtigste und oft teuerste Komponente jedes Geschäftsmodells: die Kosten der Kundenakquise (Customer Acquisition Cost – CAC). Es ist irrelevant, wie gross der Markt theoretisch ist, wenn die Kosten, einen einzelnen Kunden zu gewinnen, den potenziellen Umsatz übersteigen.
Eine realistische Umsatzplanung muss auf einer soliden Bottom-up-Kalkulation basieren, die den CAC in den Mittelpunkt stellt. Sie müssen eine fundierte Hypothese darüber haben, über welche Kanäle (z. B. Google Ads, Content Marketing, Direktvertrieb) Sie Ihre Zielkunden erreichen und was es kostet, einen Interessenten in einen zahlenden Kunden zu konvertieren. Diese Kosten sind oft erschreckend hoch. Aktuelle Benchmarks zeigen, dass zum Beispiel der durchschnittliche CAC für B2B SaaS bei etwa 1.200 $ pro Kunde liegt, bei Enterprise-Kunden sogar noch deutlich höher.
Ihre Umsatzplanung wird erst dann glaubwürdig, wenn Sie folgende Gleichung aufstellen können: Der Lifetime Value (LTV) eines Kunden muss signifikant höher sein als der CAC. Eine gängige Faustregel besagt, dass das Verhältnis von LTV zu CAC mindestens 3:1 betragen sollte. Ausserdem sollte die Zeit, die benötigt wird, um den CAC wieder hereinzuholen (Payback Period), idealerweise unter 12 Monaten liegen.
Statt also von einem riesigen Markt zu träumen, konzentrieren Sie sich auf die handfeste Unit Economics. Berechnen Sie: Wie viele Leads kann ich pro Monat über Kanal X generieren? Wie hoch ist meine Konversionsrate vom Lead zum Kunden? Was ist der durchschnittliche Umsatz pro Kunde? Multiplizieren Sie diese Zahlen, um eine realistische Umsatzprognose für die ersten 12-24 Monate zu erstellen. Diese Zahl wird ernüchternd, aber ehrlich sein – und damit eine weitaus solidere Basis für strategische Entscheidungen als die Fantasie von „1 % des Weltmarktes“.
Am Ende zählt nicht, wie viele Menschen Ihr Produkt theoretisch kaufen könnten, sondern wie viele Sie profitabel erreichen und überzeugen können. Die Wahrheit liegt in den Unit Economics, nicht in globalen Marktberichten.
Wie unterscheiden Sie einen Neugierigen von einem Entscheider mit Budget in 5 Minuten?
In Ihren Validierungsgesprächen werden Sie auf viele Interessenten stossen. Doch nicht jeder, der „interessiert“ sagt, ist auch ein potenzieller Kunde. Viele sind nur neugierig, wollen sich informieren oder sind schlicht zu höflich, um das Gespräch abzubrechen. Zeit in diese Kontakte zu investieren, ist ineffizient. Die Fähigkeit, schnell zwischen einem reinen Neugierigen und einem echten Entscheider mit einem Problem und Budget zu unterscheiden, ist entscheidend.
Ein bewährtes, wenn auch modern interpretiertes, Framework hierfür ist BANT: Budget, Authority, Need, Timeline. Statt dies als starre Checkliste abzuarbeiten, nutzen Sie es als Leitfaden für subtile Qualifizierungsfragen während des Gesprächs. Wie eine Analyse von Marktvalidierungstaktiken hervorhebt, sollten Sie offene Fragen stellen, um Voreingenommenheit zu vermeiden. Echte Kaufsignale sind spezifische Fragen nach dem „Wie“ und „Wann“, während vage Komplimente wie „interessant“ meist nur Höflichkeitssignale sind.
Anstatt direkt nach dem Budget zu fragen, was oft als aufdringlich empfunden wird, fragen Sie prozessorientiert: „Wie werden solche Projekte bei Ihnen typischerweise budgetiert?“. Um die Autorität (Authority) zu prüfen, fragen Sie: „Wer war beim letzten ähnlichen Projekt in die finale Entscheidung involviert?“. Um den Bedarf (Need) zu quantifizieren, fragen Sie nach den Konsequenzen: „Welche konkreten Kosten oder welcher Zeitaufwand entstehen Ihnen heute durch dieses Problem?“. Und für die Zeitachse (Timeline): „Bis wann muss eine Lösung spätestens implementiert sein, um Ihre Ziele zu erreichen?“.
Der ultimative Test ist jedoch, nach einem kleinen Commitment zu fragen – einem „Skin in the Game“. Bitten Sie nicht um einen Kauf, sondern um den nächsten logischen, kleinen Schritt. Ein echter Interessent wird bereit sein, diesen Schritt zu gehen.
- Budget: „Wie werden solche Projekte bei Ihnen typischerweise budgetiert?“
- Authority: „Wer war beim letzten ähnlichen Projekt in die Entscheidung involviert?“
- Need: „Welche konkreten Kosten entstehen Ihnen heute durch dieses Problem?“
- Timeline: „Bis wann muss eine Lösung implementiert sein?“
- Commitment-Test: Bitten Sie um 15 Minuten mit einem Fachexperten aus dem Team als nächsten Schritt.
Ein Entscheider mit einem echten Problem wird bereit sein, Zeit und Ressourcen zu investieren, um eine Lösung zu finden. Ein Neugieriger wird ausweichen. Diese Unterscheidung ist der schnellste Weg, um die Spreu vom Weizen zu trennen.
Das Wichtigste in Kürze
- Validierung ist ein Prozess der Risikominimierung, kein Verkaufsprozess. Ziel ist es, Annahmen mit echten Beweisen zu widerlegen oder zu bestätigen.
- Konzentrieren Sie sich auf indirekte Konkurrenz (Excel, manuelle Prozesse). Ihr Produkt muss besser sein als der Status quo, nicht nur als ein anderes Tool.
- Unterscheiden Sie Kaufsignale (Fragen nach „Wie/Wann“, Investition von Zeit) von Höflichkeitssignalen („Das ist interessant“).
Wie führen Sie einen Proof-of-Concept (PoC) durch, der zahlende Kunden überzeugt?
Nachdem Sie den Markt analysiert, Schmerzpunkte identifiziert und Entscheider qualifiziert haben, kommt der Moment der Wahrheit: der Beweis, dass jemand für Ihre Lösung nicht nur Interesse zeigt, sondern auch bereit ist, dafür zu bezahlen. Dies ist das Ziel eines Proof-of-Concept (PoC) oder eines „Pretotype“. Es geht nicht darum, ein fertiges Produkt zu bauen, sondern die Kernhypothese – die Zahlungsbereitschaft – mit minimalem Aufwand zu testen.
Ein klassisches Minimum Viable Product (MVP) kann bereits sehr teuer sein. Eine intelligentere Alternative ist oft der sogenannte Concierge-MVP oder ein Pretotype. Beim Concierge-Ansatz erbringen Sie die Dienstleistung für die ersten ein bis drei Kunden komplett manuell. Sie simulieren die Software, um den Prozess und den Wert für den Kunden zu lernen, ohne eine einzige Zeile Code zu schreiben. Ein Pretotype ist ein Stück Software, das gerade genug Funktionalität bietet, um den Kernnutzen zu demonstrieren und eine Transaktion zu ermöglichen. Ein herausragendes Beispiel ist die Validierung von ‚Handwerker des Vertrauens‘ durch FLYACTS, die mit nur 7.000 € in 18 Tagen potenziellen Umsatz von 218.000 € generierte.
Der entscheidende Faktor für einen erfolgreichen PoC ist, dass Sie „Skin in the Game“ vom Kunden einfordern. Das kann eine kleine Vorauszahlung, eine verbindliche Absichtserklärung (Letter of Intent) oder die Bereitstellung von Mitarbeiterressourcen für den Test sein. Geld ist der ehrlichste Indikator für echtes Interesse. Solange niemand bereit ist, auch nur einen kleinen Betrag zu zahlen, haben Sie lediglich eine nette Idee, aber kein Geschäftsmodell.
Definieren Sie vor dem Start des PoC klare, messbare Erfolgskriterien. Was müssen Sie sehen, um zu wissen, dass Sie auf dem richtigen Weg sind? Beispiele hierfür könnten sein: „Drei von fünf PoC-Kunden nutzen die Lösung mindestens dreimal pro Woche ohne Aufforderung“ oder „Mindestens zwei Kunden unterzeichnen einen Vorvertrag für die Vollversion“. Ohne solche Kriterien wird der PoC zu einer ziellosen Übung. Nutzen Sie No-Code-Tools, um schnell funktionale Prototypen zu erstellen, und setzen Sie einen festen, kurzen Zeitrahmen (z. B. 30 Tage) für die Validierung.
Ein erfolgreicher PoC liefert Ihnen nicht nur den Beweis für die Zahlungsbereitschaft, sondern auch unschätzbar wertvolles Feedback für die weitere Produktentwicklung. Beginnen Sie jetzt damit, Ihre kritischsten Annahmen zu identifizieren und einen Plan zu schmieden, wie Sie diese mit einem schlanken, fokussierten Proof-of-Concept testen können, um sicherzustellen, dass Sie ein Produkt bauen, das der Markt wirklich will und braucht.