Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Ein erfolgreicher Produktlaunch scheitert nicht am Plan, sondern an unbemerkten Bruchstellen zwischen den Teams und Prozessen.

  • Produktbotschaften müssen den „Job-to-be-Done“ des Kunden treffen, nicht nur Features auflisten.
  • Vertriebsbereitschaft („Readiness“) ist mehr als eine Schulung – sie erfordert praktische Zertifizierung und klare Einwandbehandlung.

Empfehlung: Ersetzen Sie starre Checklisten durch eine dynamische Steuerung von Abhängigkeiten, um Risiken proaktiv zu managen und systemische Resilienz aufzubauen.

Sie kennen das Gefühl: Der Launch-Tag rückt näher und das Chaos bricht aus. Das Marketing hat eine Kampagne gestartet, die der Vertrieb nicht versteht. Die erste Charge des Produkts ist noch nicht lieferbar, aber die Nachfrage explodiert bereits. Und obwohl die Features brillant sind, versteht niemand den wahren Kundennutzen. Der letzte chaotische Launch hat Spuren hinterlassen, und die oberste Direktive für den nächsten lautet: Das darf nicht wieder passieren.

Die üblichen Ratschläge kennen Sie zur Genüge: Erstellen Sie einen detaillierten Projektplan, definieren Sie Ihre Zielgruppe, nutzen Sie eine Checkliste. Doch was, wenn diese Werkzeuge versagen? Ein Plan ist nur so gut wie seine Ausführung. Die Wahrheit ist, dass die meisten Produkteinführungen nicht an einem fehlenden Plan scheitern, sondern an unentdeckten Reibungspunkten, Missverständnissen zwischen den Abteilungen und einer fehlenden systemischen Resilienz, die unvorhergesehene Probleme abfedern kann. Laut dem Deutschen Institut für Marketing ist die Realität ernüchternd: Fast 80 % aller Produktlaunches floppen oder erreichen ihre Ziele nicht.

Aber was wäre, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, einen noch detaillierteren Plan zu erstellen, sondern darin, die potenziellen Bruchstellen im System proaktiv zu managen? Es geht darum, nicht nur Aufgaben abzuhaken, sondern die Abhängigkeiten zwischen Marketing, Vertrieb, Produkt und Logistik zu verstehen und abzusichern. Es geht darum, von reaktiver Schadensbegrenzung zu proaktiver Risikosteuerung überzugehen.

Dieser Leitfaden ist Ihr Schlachtplan, um genau das zu erreichen. Wir werden nicht nur Checklisten durchgehen. Wir werden die kritischen Schnittstellen analysieren, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden – von der Produktkommunikation über die Vertriebsschulung bis hin zur Validierung eines neuen Marktes. Machen Sie sich bereit, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Um Ihnen eine klare Struktur für diese anspruchsvolle Aufgabe zu geben, haben wir diesen Artikel in acht strategische Kernbereiche unterteilt. Jeder Abschnitt befasst sich mit einer kritischen Frage, deren Beantwortung entscheidend für einen reibungslosen und erfolgreichen Produktlaunch ist. Das folgende Inhaltsverzeichnis gibt Ihnen einen Überblick über die Themen, die wir gemeinsam erarbeiten werden.

Warum versteht niemand Ihr Produkt, obwohl die Features toll sind?

Die erste und vielleicht schmerzhafteste Bruchstelle eines Launches ist die Kommunikationslücke. Ihr Team hat Monate oder Jahre damit verbracht, brillante Features zu entwickeln. Doch am Markt kommt nur an: „Noch eine Software. Und was soll die jetzt besser können?“ Das Problem liegt selten im Produkt selbst, sondern in der Übersetzung von technischen Merkmalen in emotionalen Kundennutzen. Marketing und Produktentwicklung sprechen oft unterschiedliche Sprachen. Während die einen in Funktionen und Spezifikationen denken, suchen Kunden nach Lösungen für ihre Probleme – nach dem „Job-to-be-Done“.

Ihre Aufgabe als Launch-Manager ist es, eine Brücke zwischen diesen beiden Welten zu bauen. Es geht nicht darum, jedes einzelne Feature aufzuzählen. Es geht darum, eine einzige, klare Geschichte zu erzählen: Welches brennende Problem löst dieses Produkt für wen und wie fühlt sich die Lösung an? Eine wirksame Methode ist der „5-Minuten-Test“: Erklären Sie das Produkt einem fachfremden Kollegen. Wenn er den Kernnutzen nach fünf Minuten nicht wiedergeben kann, ist Ihre Botschaft zu kompliziert.

Abstrakte Brücke verbindet zwei Geschäftswelten und symbolisiert die Überbrückung der Kommunikationslücke zwischen Produktfeatures und Kundennutzen.

Wie dieses Bild symbolisiert, muss Ihre Kommunikation eine stabile Verbindung vom Ist-Zustand des Kunden (dem Problem) zum Soll-Zustand (der Lösung) schaffen. Konzentrieren Sie sich auf das Ergebnis, nicht auf den Mechanismus. Führen Sie gezielte Kundengespräche, um das echte Kundenversprechen zu extrahieren. Oft formulieren Ihre potenziellen Käufer die beste Marketingbotschaft für Sie. Visualisieren Sie den Weg des Kunden vom Schmerzpunkt zur Erlösung – diese Storyline ist das Fundament für alle Ihre Marketingmaterialien.

PR, Event oder LinkedIn: Wo erreichen Sie Ihre Early Adopters am effizientesten?

Sobald Ihre Botschaft steht, stellt sich die nächste Frage: Wo schreien Sie sie in die Welt hinaus? Das Budget ist endlich, die Kanäle sind endlos. Ein „Giesskannenprinzip“ verbrennt nur Geld und Energie. Der Schlüssel liegt darin, nicht die breite Masse, sondern die richtigen Leute zu erreichen: die Early Adopters. Das sind die Enthusiasten und Innovatoren in Ihrer Nische, die bereit sind, ein neues Produkt auszuprobieren und – im Idealfall – zu Botschaftern zu werden.

Die Wahl des Kanals hängt fundamental von Ihrer Zielgruppe ab. Während klassische PR-Meldungen in manchen Branchen noch funktionieren, suchen B2B-Entscheider zunehmend nach authentischen Informationen. Laut einer Statista-Umfrage nutzen 59 % der deutschen Befragten Suchmaschinen, um sich über neue Produkte zu informieren. Das unterstreicht die enorme Bedeutung einer starken SEO- und Content-Strategie rund um die Problemstellungen Ihrer Kunden.

Doch organische Sichtbarkeit braucht Zeit. Für den initialen Impuls eines Launches sind gezielte Nischenstrategien oft effektiver. Hier kommt das gezielte Ansprechen von Meinungsführern ins Spiel.

Fallstudie: HubSpot und die Macht der Mikro-Influencer

HubSpot hat gezeigt, dass im B2B-Umfeld Authentizität über Reichweite siegt. Statt auf grosse Namen zu setzen, arbeitet das Unternehmen gezielt mit Mikro-Influencern zusammen – Experten mit 1.000 bis 10.000 Followern, die als absolute Autoritäten in ihrer spezifischen Nische gelten. Diese Creator erstellen glaubwürdige Produktbewertungen und Tutorials, die sich natürlich in ihren Content einfügen. Ein solches Vorgehen erreicht Early Adopters weitaus effektiver als jede Hochglanz-Pressemitteilung, da die Empfehlung von einer vertrauenswürdigen Quelle stammt.

Ihre Aufgabe ist es, diese Nischen-Autoritäten zu identifizieren. Wo tauschen sich Ihre potenziellen Kunden aus? Sind es LinkedIn-Gruppen, Fachforen, spezielle Subreddits oder kleine Branchen-Events? Gehen Sie dorthin, hören Sie zu und bauen Sie Beziehungen auf, lange bevor Sie Ihr Produkt pitchen. Ein gezielter Ansatz auf wenigen, aber hochrelevanten Kanälen ist immer schlagkräftiger als ein breites, aber ungerichtetes Rauschen.

Wie schulen Sie den Vertrieb, damit er das neue Produkt ab Tag 1 verkaufen kann?

Die nächste kritische Bruchstelle ist die Übergabe an den Vertrieb. Sie können die beste Marketingkampagne der Welt fahren – wenn der Vertriebsmitarbeiter am Telefon die fünf häufigsten Einwände nicht parieren kann, ist der Lead verloren. Vertriebsbereitschaft (Sales Readiness) ist weit mehr als eine einstündige PowerPoint-Präsentation über neue Features. Es ist ein systematischer Prozess, der sicherstellt, dass jeder Verkäufer das Produkt nicht nur versteht, sondern es mit Überzeugung und Kompetenz verkaufen kann.

Vergessen Sie theoretische Frontalschulungen. Der moderne Vertrieb braucht interaktive, praxisnahe Workshops und digitale Werkzeuge, die im Kundengespräch sofort zur Hand sind. Es geht darum, Selbstvertrauen aufzubauen. Ein Verkäufer, der sich unsicher fühlt, wird instinktiv auf die alten, bekannten Produkte ausweichen. Die aktuelle Atreus Studie zum B2B-Vertrieb zeigt, dass die technologische Unterstützung hierbei eine zentrale Rolle spielt: Bereits 61,4 % der Unternehmen auf die Optimierung ihres CRM-Systems setzen, um Vertriebsprozesse zu stärken.

Interaktive Vertriebsschulung in modernem Schulungsraum, in der Teams in Rollenspielen üben.

Ein interaktiver Workshop, wie im Bild dargestellt, in dem reale Kundenszenarien und Einwände in Rollenspielen geübt werden, ist tausendmal wertvoller als jedes Handbuch. Es geht darum, „Muskelgedächtnis“ für die neuen Verkaufsargumente aufzubauen. Ein strukturiertes Vorgehen ist hierbei unerlässlich, um sicherzustellen, dass alle Vertriebsmitarbeiter am Launch-Tag auf dem gleichen, hohen Niveau starten.

Ihr Audit-Plan für die Vertriebsbereitschaft

  1. Einwandbehandlung definieren: Erstellen Sie „Sales Battle Cards“ mit präzisen, überzeugenden Antworten auf die Top-5-Kundeneinwände. Testen Sie diese Antworten in Rollenspielen.
  2. Anreize schaffen: Implementieren Sie ein temporäres Launch-Bonus-Modell für die ersten 90 Tage, um die volle Aufmerksamkeit des Vertriebs auf das neue Produkt zu lenken.
  3. Kompetenz zertifizieren: Entwickeln Sie ein internes Zertifizierungsprogramm. Jeder Verkäufer muss eine Prüfung (schriftlich und im Rollenspiel) bestehen, bevor er das Produkt verkaufen darf.
  4. Werkzeuge bereitstellen: Rüsten Sie das Team mit modernen Tools aus, z. B. Tablets mit Konfigurations-Apps oder interaktiven Demos, die den Kundennutzen live zeigen.
  5. Praxis über Theorie: Führen Sie praktische Workshops durch, in denen die Anwendung des Produkts und die Verkaufsargumentation im Mittelpunkt stehen, statt theoretischer Feature-Schulungen.

Das Risiko, Nachfrage zu wecken, die Sie wegen fehlender Ware nicht bedienen können

Herzlichen Glückwunsch, Marketing und Vertrieb sind perfekt aufeinander abgestimmt! Die Kampagnen laufen, die ersten Leads kommen rein – doch dann meldet die Produktion: „Lieferverzögerung von sechs Wochen.“ Dies ist eine der gefährlichsten Situationen in einem Produktlaunch. Sie haben hart dafür gearbeitet, Momentum aufzubauen, und stehen nun vor dem Nichts. Enttäuschte Interessenten wenden sich im schlimmsten Fall direkt an die Konkurrenz. Dieses Szenario muss unbedingt vermieden oder zumindest gemanagt werden.

Die Lösung liegt in einer engen Abstimmung zwischen Marketing, Vertrieb und Supply Chain von Anfang an. Die Produktions- und Lieferkapazitäten sind keine Nebensache, sondern ein zentraler Pfeiler Ihrer Launch-Strategie. Je nach Ihrer Kapazität und Risikobereitschaft müssen Sie die richtige Launch-Strategie wählen. Ein „Big Bang“ mit maximaler medialer Aufmerksamkeit ist nur dann sinnvoll, wenn Sie die zu erwartende Nachfrage auch bedienen können. Andernfalls sind kontrolliertere Ansätze die klügere Wahl.

Die folgende Tabelle vergleicht verschiedene Strategien, um die Nachfrage an Ihre Lieferfähigkeit anzupassen und das Risiko der Übernachfrage zu steuern.

Vergleich von Nachfrage-Management-Strategien
Strategie Vorteile Nachteile Eignung
Big Bang Launch Maximale Aufmerksamkeit, starkes Momentum Hohes Risiko der Übernachfrage, Stresstest für die Logistik Hohe Produktionskapazität, etablierte Marken
Gestaffelte Wellen Kontrollierte Nachfrage, Lernkurve für Support & Logistik Weniger medialer Impact, potenzielle Kunden müssen warten Begrenzte Anfangskapazität, komplexe Produkte
Exklusive Warteliste Schafft Exklusivität und Begehrlichkeit, qualifiziert Leads Verlängerte Time-to-Market, Risiko des Abspringens Premium-Produkte, Community-basierte Produkte
Transparente Kommunikation Stärkt Vertrauen, managt Erwartungen Offenbart potenziell Schwächen, erfordert Mut Vertrauensvolle Marken mit starker Community

Selbst mit der besten Planung kann es zu Engpässen kommen. Für diesen Fall benötigen Sie einen Plan B, um die wertvollen, generierten Leads nicht zu verlieren.

Praxisbeispiel: Das Plan-B-Angebot bei Lieferengpässen

Einige Unternehmen haben erfolgreich alternative Angebote für wartende Interessenten entwickelt. Anstatt Kunden mit einer leeren Versprechung zurückzulassen, bieten sie einen konkreten Mehrwert. Dies kann ein vergünstigter Zugang zu einem verwandten Produkt, ein exklusiver Branchenreport oder ein Gutschein für den späteren Kauf sein. Das strategische Ziel ist klar: Halten Sie die generierten Leads in Ihrem Ökosystem und verhindern Sie aktiv, dass sie zur Konkurrenz abwandern.

Wann ist der schlechteste Zeitpunkt, um ein B2B-Produkt auf den Markt zu bringen?

Timing ist alles. Sie können das beste Produkt mit der besten Kampagne haben – wenn Sie es zur falschen Zeit launchen, verpufft die Wirkung. Viele Unternehmen machen den Fehler, ihr Timing an internen Roadmaps auszurichten, anstatt den Markt und die Zyklen ihrer Kunden zu berücksichtigen. Der „schlechteste Zeitpunkt“ ist nicht ein bestimmtes Datum, sondern ein Kontext, in dem Ihre Botschaft untergeht oder Ihre Zielgruppe nicht aufnahmefähig ist.

Ein klassischer Fehler ist das Festhalten an grossen Branchenmessen. Zwar bieten sie eine hohe Dichte an potenziellen Kunden, aber auch eine immense Flut an Ankündigungen der Konkurrenz. In diesem Lärm um Aufmerksamkeit zu kämpfen, kann extrem teuer und ineffektiv sein.

Es kann sich lohnen, seine Produktankündigung strategisch ausserhalb von grossen Messen zu platzieren, um nicht in der Flut der Ankündigungen unterzugehen und die ungeteilte Aufmerksamkeit der Fachpresse und der Kunden zu erhalten.

– Produktmanagementor, Journal: Der Launch

Ein weiterer kritischer Faktor sind die Budgetzyklen Ihrer Zielbranche. Ein B2B-Produkt im vierten Quartal zu launchen, wenn die meisten Unternehmen ihre Budgets für das Jahr bereits verplant haben, ist oft ein Kampf gegen Windmühlen. Analysieren Sie stattdessen, wann Ihre Kunden ihre Planung für das nächste Jahr beginnen, und platzieren Sie Ihren Launch strategisch davor, um in die neuen Budgets aufgenommen zu werden. Identifizieren Sie „stille Wochen“ im Branchenkalender – Perioden ohne grosse Events oder Feiertage –, um maximale Aufmerksamkeit zu erzielen. Berücksichtigen Sie auch interne Kapazitäten: Hat Ihr Support-Team während der Urlaubszeit die Ressourcen, um die erhöhten Anfragen nach dem Launch zu bewältigen?

Das perfekte Timing ist eine strategische Entscheidung, die auf einer tiefen Analyse von drei Bereichen beruht: dem Kalender der Branche, dem Budgetzyklus des Kunden und der Kapazität Ihres eigenen Unternehmens. Ein Launch zur falschen Zeit fühlt sich an, als würde man bergauf rennen. Ein Launch zur richtigen Zeit fühlt sich an, als hätte man Rückenwind.

Wie viel Funktionalität muss Ihr PoC haben, um das Problem glaubhaft zu lösen?

Bevor Sie überhaupt an einen vollwertigen Launch denken, steht oft ein entscheidender Zwischenschritt: der Proof of Concept (PoC) oder das Minimum Viable Product (MVP). Hier lauert eine klassische Falle: der Versuch, zu viel zu wollen. Viele Teams versuchen, in ihrem PoC bereits eine abgespeckte Version des Endprodukts mit zehn verschiedenen Funktionen zu zeigen. Das Ergebnis ist meist ein Produkt, das zehn Dinge zu 10 % kann, aber kein einziges Problem wirklich löst. Es überzeugt niemanden.

Die Regel für einen erfolgreichen PoC lautet: Lösen Sie einen einzigen, brennenden Schmerzpunkt zu 100 %. Konzentrieren Sie sich auf das Kernproblem, das bei Ihrer Zielgruppe den grössten Leidensdruck erzeugt. Ihr PoC muss nicht skalierbar, automatisiert oder für Tausende von Nutzern ausgelegt sein. Er muss nur eines tun: einem potenziellen Kunden glaubhaft beweisen, dass Sie sein wichtigstes Problem verstanden haben und eine wirksame Lösung dafür haben.

Eine clevere Methode, um dies mit minimalem Entwicklungsaufwand zu erreichen, ist das „Wizard-of-Oz“-Prinzip. Dabei wird dem Kunden ein perfektes, voll funktionsfähiges Frontend präsentiert, während im Hintergrund die Prozesse noch manuell von Ihrem Team ausgeführt werden.

Fallstudie: Das „Wizard-of-Oz“-Prinzip für einen schlagkräftigen PoC

Ein Startup wollte eine KI-basierte Software zur automatischen Analyse von Verträgen entwickeln. Anstatt Monate in die Entwicklung komplexer Algorithmen zu investieren, bauten sie nur eine einfache Benutzeroberfläche, über die Kunden ihre Verträge hochladen konnten. Im Hintergrund analysierte ein Team von Jurastudenten die Dokumente manuell und lieferte die Ergebnisse innerhalb von 24 Stunden über das System zurück. Aus Kundensicht funktionierte die „KI“ perfekt. Das Startup konnte so extrem schnell die Zahlungsbereitschaft am Markt testen und wertvolles Feedback sammeln, bevor auch nur eine Zeile KI-Code geschrieben war.

Dieser Ansatz ermöglicht es Ihnen, mit minimalem Risiko und maximaler Geschwindigkeit zu lernen. Der PoC wird so zu einem Validierungswerkzeug, nicht zu einem Entwicklungsprojekt. Sein einziges Ziel ist es, die Antwort auf die Frage zu finden: „Sind wir auf dem richtigen Weg und ist jemand bereit, dafür zu zahlen?“ Wenn diese Antwort „Ja“ lautet, haben Sie eine solide Grundlage für den eigentlichen Produktlaunch.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fokus auf Kundennutzen: Erfolgreiche Kommunikation übersetzt technische Features in die Lösung eines konkreten Kundenproblems (Job-to-be-Done).
  • Systematische Vertriebsbereitschaft: Ein Launch ist nur erfolgreich, wenn der Vertrieb durch praktische Zertifizierung und klare Einwandbehandlung wirklich verkaufen kann – nicht nur geschult wurde.
  • Proaktives Risikomanagement: Statt starrer Pläne erfordert ein Launch die dynamische Steuerung von Abhängigkeiten zwischen Marketing, Vertrieb und Logistik, um Bruchstellen zu vermeiden.

Wann ist der First-Mover-Advantage real und wann ist es klüger, als Zweiter zu kommen?

Die Frage, ob man als Erster einen neuen Markt betritt oder lieber als intelligenter Zweiter agiert, ist eine der grössten strategischen Weichenstellungen. Der First-Mover-Advantage – der vermeintliche Vorteil des Pioniers – ist verlockend. Man kann Standards setzen, die ersten Kundenbeziehungen aufbauen und sich als Technologieführer positionieren. Doch dieser Vorteil hat einen hohen Preis: Der First Mover trägt die vollen Kosten der Marktaufklärung, muss technologische Kinderkrankheiten ausbügeln und oft regulatorische Hürden als Erster überwinden.

Fallstudie: Vodafones mutiger UMTS-Launch (2004)

Im Jahr 2004 wollte Vodafone unbedingt der erste Anbieter sein, der das mobile Breitband-Internet UMTS auf den deutschen Markt bringt. Das Unternehmen managte erfolgreich enormen Zeitdruck, komplexe interne Tests und die Abhängigkeiten von externen Netzwerkausrüstern. Der Mut zahlte sich aus: Vodafone startete zwei Monate vor der Konkurrenz und konnte sich nachhaltig als Technologieführer etablieren. Dies ist ein klassisches Beispiel, bei dem der First-Mover-Vorteil real war und strategisch genutzt wurde.

Der Second Mover hingegen kann aus den Fehlern des Ersten lernen. Er betritt einen Markt, der bereits für die neue Technologie sensibilisiert ist, kann eine ausgereiftere Technologie einsetzen und sich auf eine bessere User Experience konzentrieren, anstatt die Grundlagenarbeit leisten zu müssen. Die Entscheidung hängt von der Art des Marktes und den eigenen Ressourcen ab.

Vergleich: First-Mover- vs. Second-Mover-Strategien
Faktor First-Mover Vorteil Second-Mover Vorteil
Marktaufklärungskosten Trägt die vollen, hohen Kosten, um den Markt zu erziehen. Profitiert von einem bereits vorbereiteten und sensibilisierten Markt.
Technologie Kann Technologiestandards setzen, kämpft aber mit Kinderkrankheiten. Kann eine ausgereiftere Technologie der zweiten Generation einsetzen.
Regulierung Muss oft teure Präzedenzfälle schaffen und regulatorische Pfade ebnen. Nutzt den bereits freigeräumten regulatorischen Pfad.
Kundenfeedback Baut die ersten Kundenbeziehungen auf, riskiert aber, sie durch Fehler zu verprellen. Kann direkt auf die vom First Mover ignorierten Kundenwünsche eingehen.

Der First-Mover-Vorteil ist dann am grössten, wenn starke Netzwerkeffekte (z. B. bei sozialen Netzwerken) oder hohe Wechselkosten (z. B. bei tief integrierter Unternehmenssoftware) den ersten Anbieter schnell uneinholbar machen. In Märkten, in denen die Technologie schnell veraltet oder die User Experience entscheidend ist, hat oft der kluge Second Mover die besseren Karten.

Wie validieren Sie den Markteintritt in ein neues Land, bevor Sie das erste Büro mieten?

Der ultimative Test für die Resilienz Ihres Launch-Systems ist die Expansion in ein neues Land. Hier potenzieren sich alle Risiken: kulturelle Missverständnisse, regulatorische Hürden und ein unbekanntes Wettbewerbsumfeld. Der klassische Ansatz – ein Büro mieten, ein Team einstellen und hoffen – ist extrem kapitalintensiv und riskant. Laut einer Atreus-Studie sind bereits 73 % der B2B-Unternehmen international tätig, aber der Weg dorthin ist steinig. Ein schlanker, datengestützter Validierungsansatz ist entscheidend, um kostspielige Fehler zu vermeiden.

Anstatt sofort zu investieren, können Sie den Markt mit minimalem Aufwand testen. Erstellen Sie eine vollständig lokalisierte Landing Page in der Landessprache, die Ihr Produkt so präsentiert, als wäre es bereits verfügbar. Schalten Sie eine kleine, gezielte Werbekampagne und messen Sie die Conversion-Raten (z. B. Anmeldungen für eine Warteliste oder einen Newsletter). Diese Daten geben Ihnen einen ersten, harten Indikator für das Marktpotenzial – und das, bevor Sie auch nur einen Euro für Miete ausgegeben haben.

Ein weiterer schlanker Ansatz ist der „Pop-up-Experte“. Mieten Sie für eine Woche einen Arbeitsplatz in einem Co-Working-Space in Ihrer Zielstadt. Positionieren Sie sich als lokaler Experte und führen Sie Dutzende von Gesprächen mit potenziellen Kunden, Partnern und Branchenkennern. Parallel dazu können Sie einen lokalen „Distributor-Scout“ beauftragen, erste, unverbindliche Gespräche mit potenziellen Vertriebspartnern zu führen. Diese qualitativen Einblicke sind von unschätzbarem Wert. Dieselbe Atreus-Studie zeigt, dass die Analyse von Marktpotenzial und Wachstumsperspektiven für 76,7 % der Unternehmen der wichtigste Faktor bei der Expansion ist, während 48 % die Anpassung des Produktportfolios an lokale Bedürfnisse als entscheidend ansehen. Beides können Sie mit diesen schlanken Methoden effizient validieren.

Erst wenn diese schlanken Tests positive Signale liefern – eine hohe Conversion-Rate auf der Landing Page, vielversprechende Gespräche vor Ort und potenzielles Interesse von Vertriebspartnern –, sollten Sie über die nächsten, grösseren Investitionsschritte nachdenken. Dieser iterative Ansatz verwandelt den riskanten Sprung ins kalte Wasser in eine kontrollierte, schrittweise Erkundung.

Hören Sie auf, Brände zu löschen. Fangen Sie an, Ihr Launch-System zu bauen. Wenden Sie diese Prinzipien an, um Ihren nächsten Produktlaunch vom Start weg zu kontrollieren und am Stichtag nicht nur bereit, sondern auch souverän zu sein.

Geschrieben von Lena Volkov, B2B-Vertriebsstrategin und CRM-Expertin mit Fokus auf Sales-Automation und Pipeline-Management. Sie hat in den letzten 10 Jahren Vertriebsteams im Tech- und Servicesektor aufgebaut und zu Höchstleistungen geführt.