Veröffentlicht am Mai 16, 2024

Die Suche nach dem richtigen Angel-Investor ist kein Bittstellen, sondern strategisches Matchmaking auf Augenhöhe.

  • Der Schlüssel liegt darin, die unterschiedliche Psychologie von Investoren zu verstehen – ein Ex-Gründer tickt anders als ein Vermögensverwalter.
  • „Smart Money“ erkennt man nicht am Scheckbuch, sondern an der Bereitschaft, vor der Unterschrift bereits Netzwerktüren zu öffnen.

Empfehlung: Konzentriere dich nicht darauf, jeden zu überzeugen, sondern darauf, die 1-2 Angel-Typen zu identifizieren, deren Erfahrung und Netzwerk den grössten Hebel für dein Geschäftsmodell darstellen.

Die meisten Gründer glauben, die Suche nach einem Business Angel sei ein reiner Vertriebsprozess: Pitch Deck polieren, Finanzplan erstellen, so viele Termine wie möglich machen und hoffen, dass jemand anbeisst. Man optimiert für das „Ja“ zum Geld. Das ist verständlich, aber es ist der schnellste Weg, „Dumb Money“ an Bord zu holen – Kapital, das zwar die Rechnungen bezahlt, aber langfristig mehr Probleme schafft als es löst.

Die Szene ist voll von Ratschlägen über das perfekte Pitch Deck oder die „unangreifbare“ Unternehmensbewertung. Doch die wirklich erfolgreichen Gründer wissen: Es geht um etwas viel Tieferes. Es geht darum, die Psychologie hinter dem Investment zu verstehen. Ein Angel-Investment ist der Beginn einer langjährigen Beziehung, oft intensiver als eine Ehe. Man holt sich nicht nur einen Geldgeber, sondern einen Gesellschafter, einen Ratgeber und im Idealfall einen echten Partner ins Boot.

Dieser Artikel bricht mit den oberflächlichen Tipps. Stattdessen tauchen wir in die Denkweise der Investoren ein. Wir entschlüsseln, was ein Angel wirklich prüft, bevor er eine Überweisung tätigt, warum die Chemie wichtiger ist als die Excel-Tabelle und wie du gezielt die Investoren findest und überzeugst, die dein Startup nicht nur finanzieren, sondern es durch ihr Wissen und ihr Netzwerk auf das nächste Level heben. Es geht nicht darum, Geld zu finden. Es geht darum, den richtigen Partner für deine Mission zu gewinnen.

Um diese strategische Partnersuche erfolgreich zu meistern, beleuchten wir die entscheidenden Etappen und Denkweisen im Angel-Investing. Der folgende Leitfaden führt dich durch die Psychologie der Investoren, die Tücken der Vertragsgestaltung und die Kunst der langfristigen Beziehungspflege.

Warum investiert ein Ex-Gründer anders als ein pensionierter Zahnarzt?

Der Begriff „Business Angel“ ist eine grobe Vereinfachung für eine extrem heterogene Gruppe von Menschen. Nicht jeder Angel ist gleich, und der grösste Fehler, den du machen kannst, ist, alle mit dem gleichen Pitch anzusprechen. Die Motivation, das Risikoprofil und vor allem der Mehrwert, den ein Investor mitbringt, hängen massiv von seinem beruflichen Hintergrund ab. Das Verständnis dieser Investor-Psychologie ist dein erster strategischer Vorteil.

Ein Ex-Gründer, der selbst durch die Hölle der Skalierung gegangen ist, investiert mit einer anderen Brille. Er oder sie sucht nach Mustern im Gründerteam, die an den eigenen Erfolg (oder Misserfolg) erinnern. Wie die Investorin Rahel Stichtenoth prüft dieser Typ zuerst das Bauchgefühl gegenüber dem Team. Kann dieses Team durchhalten? Ist es resilient? Der Ex-Gründer wird dein Produkt sezieren, deine Go-to-Market-Strategie challengen und dich mit seinem Netzwerk an anderen Gründern, Entwicklern oder ersten Vertrieblern verbinden. Er investiert in das, was er kennt: den operativen Kampf.

Verschiedene Business Angel Personas in ihren typischen Arbeitsumgebungen, die unterschiedliche Investoren-Archetypen repräsentieren.

Ein pensionierter Manager oder Freiberufler (der sprichwörtliche „Zahnarzt“) investiert oft aus einer anderen Motivation: Vermögensdiversifikation, intellektuelle Stimulation oder der Wunsch, „etwas zurückzugeben“. Sein Fokus liegt stärker auf dem validen, skalierbaren Geschäftsmodell und klaren Finanzkennzahlen, wie es der Investor Xavier Sarras betont. Er wird weniger wahrscheinlich deine Codebase reviewen, aber er kann unschätzbare Kontakte in etablierte Industrien oder Expertise in klassischen betriebswirtschaftlichen Disziplinen wie Controlling oder HR mitbringen. Sein Netzwerk ist oft breiter und korporativer, aber weniger tief in der Startup-Szene verankert.

Deine Aufgabe ist es, nicht nur Geld zu suchen, sondern gezielt den Archetyp, dessen Erfahrung deine grösste aktuelle Schwäche ausgleicht. Brauchst du jemanden, der dir hilft, den Product-Market-Fit zu finden (Ex-Gründer), oder jemanden, der dir die Tür zum deutschen Mittelstand öffnet (Manager)? Die Antwort auf diese Frage definiert deine gesamte Suchstrategie.

Wie funktioniert die Bewertungsgrenze (Cap) und warum schützt sie den Investor?

In der Frühphase, wenn dein Startup oft nur aus einer Idee, einem Prototyp und einem motivierten Team besteht, ist eine klassische Unternehmensbewertung Kaffeesatzleserei. Hier kommen Wandeldarlehen (Convertible Notes) ins Spiel – ein Standardinstrument im Angel-Investing. Und das wichtigste Wort, das du in diesem Zusammenhang verstehen musst, ist die Bewertungsgrenze (Valuation Cap). Viele Gründer sehen den Cap als reines Verhandlungsinstrument, verstehen aber nicht seine wahre Funktion: Er ist ein zentraler Schutzmechanismus für den Investor.

Ein Wandeldarlehen ist im Grunde ein Kredit, der nicht zurückgezahlt, sondern in der nächsten Finanzierungsrunde (z.B. der Series A) in Unternehmensanteile umgewandelt wird. Der Angel bekommt dabei in der Regel einen Rabatt (Discount) auf die Bewertung dieser Runde. Aber was passiert, wenn dein Startup durch die Decke geht und die Series A mit einer extrem hohen Bewertung von z.B. 20 Millionen Euro abschliesst? Ein 20%iger Discount würde dem Angel kaum einen Vorteil für sein frühes Risiko verschaffen. Hier kommt der Cap ins Spiel.

Die Bewertungsgrenze legt einen maximalen Wert fest, zu dem das Darlehen des Angels umgewandelt wird, selbst wenn die tatsächliche Bewertung der Runde viel höher ist. Beispiel: Dein Angel investiert 100.000 € mit einem Cap von 2 Millionen Euro. In der Series A wird dein Unternehmen mit 10 Millionen Euro bewertet. Statt seine Anteile auf Basis der 10 Millionen zu erhalten, wird sein Investment so behandelt, als wäre die Bewertung nur 2 Millionen. Er erhält also deutlich mehr Anteile – eine Belohnung für sein hohes Risiko in der Anfangsphase.

Für Angels ist dies ein entscheidender Punkt, denn er sichert ihren potenziellen „Upside“. Wie Dr. Christoph Bielak im VC Magazin betont, ist die Verhandlung über Discount oder Cap zentral, denn daraus ergibt sich der Return on Investment. Er schützt den Investor davor, dass sein frühes Vertrauen durch einen späteren, massiven Bewertungssprung „verwässert“ wird.

Der ROI ergibt sich aus Discount oder Cap, deren Verhandlung für sie damit entscheidend ist.

– Dr. Christoph Bielak, VC Magazin

Was prüft ein Angel wirklich, bevor er 50.000 € überweist?

Vergiss die Vorstellung, dass ein Business Angel vor einem 50.000-Euro-Investment eine wochenlange Due Diligence (DD) durchführt wie ein grosser VC-Fonds. Eine professionelle, externe Prüfung kann schnell 30.000 Dollar oder mehr kosten – für die meisten Angels unrealistisch. Stattdessen führen sie eine pragmatische, aber scharfe Prüfung durch, die sich auf wenige, aber entscheidende Punkte konzentriert. Sie suchen nach Signalen und Beweisen, nicht nach perfekten Dokumenten.

Der erste Fokus liegt auf der Traktion und der Umsetzungsgeschwindigkeit. Ein Angel will sehen, was du mit den begrenzten Ressourcen, die du bisher hattest, erreicht hast. Hast du einen Prototyp gebaut? Erste Testkunden gewonnen? Eine Warteliste mit 500 Interessenten aufgebaut? Behauptungen sind wertlos, Beweise sind alles. Wenn du von einem bestimmten Customer Lifetime Value (LTV) oder niedrigen Customer Acquisition Costs (CAC) sprichst, sei bereit, die Rohdaten zu zeigen. Ein erfahrener Angel riecht „Bullshit“ auf eine Meile Entfernung.

Der zweite, oft unterschätzte Punkt ist die „Cap-Table-Hygiene“. Ein unordentlicher oder problematischer Cap Table (die Liste aller Gesellschafter und ihrer Anteile) ist eine riesige rote Flagge. Gibt es „totes Kapital“ von ehemaligen Mitgründern, die ohne Vesting gegangen sind? Sind die Gründeranteile bereits so stark verwässert, dass die Motivation für die nächsten Jahre fraglich ist? Ein Angel investiert nicht nur in deine aktuelle Firma, sondern auch in deren Fähigkeit, in Zukunft weitere, grössere Runden aufzunehmen. Eine saubere rechtliche Struktur und ein fairer Cap Table sind dafür die Grundvoraussetzung.

Schliesslich nutzen viele Angels ein internes Scoring-System, um eine objektivere Entscheidung zu treffen. Sie bewerten Dimensionen wie das Gründerteam, die Marktgrösse, die bisherige Traktion, die Unit Economics und das realistische Exit-Potenzial auf einer einfachen Skala. Es geht nicht darum, überall eine 5/5 zu haben, sondern darum, in mindestens 1-2 Bereichen brillant zu sein und in den anderen keine fatalen Schwächen zu zeigen.

Dein Fahrplan für die Angel-Due-Diligence: Was du bereithalten solltest

  1. Cap Table Analyse: Sei bereit, deinen Cap Table offenzulegen und die Anteilsverteilung sowie potenzielle Verwässerungseffekte klar zu erklären. Tools können hier helfen, Szenarien durchzuspielen.
  2. Traktion nachweisen: Lege den Fokus auf Geschwindigkeit und Beweise deiner bisherigen Umsetzung. Zeige, was du in den letzten 3-6 Monaten erreicht hast.
  3. Daten statt Behauptungen: Wenn du Kennzahlen wie LTV:CAC nennst, habe die zugrundeliegenden Daten parat und sei bereit, sie zu verteidigen.
  4. Rechtliche Grundlagen: Sorge für eine saubere rechtliche Struktur. Ein Angel wird niemals die Prüfung der Gesellschaftsverträge und des Cap Tables überspringen.
  5. Selbst-Bewertung: Nutze ein einfaches Scoring-System (1-5 Skala) für Team, Markt, Traktion, Wirtschaftlichkeit und Exit-Potenzial, um deine eigenen Stärken und Schwächen ehrlich zu bewerten.

Der Fehler, in der Seed-Runde zu viele Anteile abzugeben und später uninvestierbar zu sein

In der Euphorie des ersten Investments ist die Versuchung gross: Ein Angel bietet dir die benötigte Summe, verlangt dafür aber 20 % oder sogar 25 % der Anteile. Es fühlt sich wie ein Sieg an, endlich finanziert zu sein. Doch dieser „Sieg“ kann sich schnell in eine strategische Sackgasse verwandeln und dein Startup für zukünftige Finanzierungsrunden uninvestierbar machen. Dies ist einer der häufigsten und fatalsten Fehler in der Seed-Phase.

Das Problem ist die Signalwirkung an den Markt und die verbleibende Motivation der Gründer. Wenn ein VC-Investor in der späteren Series A sieht, dass bereits ein einziger Angel 20 % hält, schrillen die Alarmglocken. Es deutet darauf hin, dass die Gründer entweder naiv verhandelt oder eine sehr niedrige Bewertung akzeptieren mussten. Noch wichtiger: Es lässt kaum noch Platz im Cap Table für neue Investoren, ohne die Gründer massiv zu verwässern. Und ein VC wird nur investieren, wenn die Gründer nach der Series-A-Runde immer noch einen signifikanten Anteil halten, der sie für die kommenden Jahre motiviert.

Die Zahlen sind brutal: Weniger als eines von drei Startups, die eine Seed-Finanzierung erhalten, schaffen es überhaupt bis zur Series A. Ein überladener Cap Table verschlechtert diese Chancen dramatisch. Die Logik eines VCs ist einfach: Warum in ein Startup investieren, bei dem die Gründer nach unserer Runde nur noch 30 % halten und für die nächsten fünf harten Jahre kaum noch finanziellen Anreiz haben? Wie die Experten Joe Wallin und Pete Baltaxe treffend bemerken:

Wenn der Gründer zu früh zu stark verwässert wird (Cap Table prüfen), kann er entscheiden, dass es nicht genug Upside gibt, um für wenig Gehalt und lange Stunden weiterzumachen.

– Joe Wallin und Pete Baltaxe, Angel Investing: Start to Finish

Eine gesunde Seed-Runde sieht oft so aus, dass insgesamt 10-20 % der Anteile an mehrere Angels oder einen kleinen Fonds abgegeben werden. Ein einzelner Angel, der 15-20 % hält, ist, wie die Erfahrung zeigt, ein Warnsignal. Verteidige deine Anteile in der Frühphase nicht aus Gier, sondern aus strategischer Weitsicht. Ein fairer Deal heute ist die Eintrittskarte für die grossen Runden von morgen.

Wie halten Sie Ihre Geldgeber bei Laune, ohne wöchentlich Berichte zu schreiben?

Das Geld ist auf dem Konto, die Arbeit beginnt – und damit auch die Beziehung zu deinen neuen Gesellschaftern. Viele Gründer verfallen hier in zwei Extreme: Entweder sie funken nur noch, wenn sie wieder Geld brauchen (ein Kardinalfehler), oder sie ertränken ihre Angels in endlosen, unstrukturierten E-Mail-Updates. Beides ist ineffektiv. Professionelles Investor-Reporting ist keine lästige Pflicht, sondern ein strategisches Werkzeug. Es geht um Effizienz, Transparenz und darum, deine Investoren für dich arbeiten zu lassen.

Die goldene Regel lautet: Regelmässigkeit und Struktur schlagen Frequenz und Länge. Ein monatliches oder quartalsweises Update, das auf den Punkt kommt, ist mehr wert als wöchentliche Prosa. Business Angels wissen, dass in einem jungen Unternehmen nicht alles nach Plan läuft. Was sie nicht akzeptieren, ist Intransparenz. Sprich Probleme offen an, zeige, was du daraus gelernt hast, und präsentiere deinen Lösungsansatz. Das schafft Vertrauen, während das Verschweigen von schlechten Nachrichten es nachhaltig zerstört.

Ein effektives Update-Template ist einfach und fokussiert. Es sollte zu 90 % aus harten Fakten bestehen: die wichtigsten KPIs (z.B. Umsatz, Neukunden, Churn) im Vergleich zu den Zielen, die ihr euch gesetzt habt. Was lief gut? Was lief schlecht? Was sind die Learnings? Die restlichen 10 % sind der wichtigste Teil: der „Ask“. Hier formulierst du eine konkrete Bitte an deine Investoren. Brauchst du eine Einführung zu einem potenziellen Kunden in der Automobilbranche? Suchst du einen erfahrenen Marketing-Manager? Ein guter Angel will helfen – du musst es ihm nur so einfach wie möglich machen.

Anstatt individuelle E-Mails zu schreiben, nutze skalierbare Formate. Ein kurzer, strukturierter Newsletter über ein Tool wie Mailchimp oder ein dedizierter Slack-Kanal für Investoren kann die Kommunikation bündeln. Für grössere Themen oder Krisen ist ein kurzer Gruppen-Call oft effizienter als eine lange E-Mail-Kette. So zeigst du Respekt vor der Zeit deiner Investoren und hältst sie gleichzeitig engagiert und informiert – die perfekte Basis für eine langfristige, produktive Partnerschaft.

Smart Money vs. Dumb Money: Wen sollten Sie in Ihre Gesellschafterliste lassen?

Die Unterscheidung zwischen „Smart Money“ und „Dumb Money“ ist das vielleicht wichtigste Konzept im Angel-Investing. Dumb Money ist reines Kapital. Es überweist und verschwindet dann, taucht nur wieder auf, wenn es Probleme gibt oder ein schneller Exit winkt. Smart Money ist Kapital plus. Es ist Geld, das mit Erfahrung, einem relevanten Netzwerk und strategischem Rat einhergeht. Deine Aufgabe ist es, die Signale für Smart Money frühzeitig zu erkennen und die roten Flaggen von Dumb Money zu meiden.

Ein echter Smart-Money-Investor zeigt seinen Wert oft schon vor dem Investment. Bittet er dich um Referenzen von anderen Gründern aus seinem Portfolio? Bietet er von sich aus an, dich mit ein oder zwei potenziellen Kunden oder Partnern aus seinem Netzwerk bekannt zu machen, um deine Thesen zu validieren? Das sind starke Signale. Jemand, der bereit ist, sein Netzwerk für dich zu öffnen, bevor überhaupt ein Vertrag unterschrieben ist, wird es wahrscheinlich auch danach tun. Im Gegensatz dazu konzentriert sich ein Dumb-Money-Investor fast ausschliesslich auf die Bewertung und die Konditionen des Deals.

Eine weitere rote Flagge ist ein Investor, der vor der Finanzierung Geld für „Beratung“ oder „Aufwandsentschädigungen“ verlangt. Seriöse Angels verdienen ihr Geld mit dem Exit, nicht mit Gebühren. Hüte dich auch vor grossen Versprechungen, die nicht durch nachweisbare Erfolge oder eine klare Branchenerfahrung untermauert sind. Ein guter Angel sagt nicht: „Ich öffne dir alle Türen“, sondern: „Ich kenne Person X bei Firma Y, lass uns überlegen, ob ein Intro jetzt sinnvoll ist.“

Die folgende Tabelle, basierend auf den Empfehlungen von etablierten Netzwerken wie dem Business Angels Netzwerk Deutschland (BAND), fasst die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zusammen. Nutze sie als Checkliste in deinen Gesprächen.

Smart Money vs. Dumb Money: Die entscheidenden Kriterien
Smart Money Dumb Money / Red Flags
Branchenerfahrung nachweisbar Verspricht viel, hält wenig
Netzwerk-Intros während Due Diligence Verlangt Geld vor Finanzierung
Positive Referenzen von Portfolio-Unternehmen Verhandelt nur über Bewertung
Know-how-Transfer Verschwindet nach Investment

Denke daran: Du wählst nicht nur einen Investor aus, du kuratierst deine Gesellschafterliste. Jeder Name auf dieser Liste sendet ein Signal an zukünftige Investoren. Eine Liste mit 2-3 bekannten und respektierten Smart-Money-Angels ist oft mehr wert als das Doppelte an Kapital von unbekannten oder passiven Geldgebern.

Darlehen von Verwandten: Wie vermeiden Sie den Familienkrach beim Scheitern?

Die „Friends, Family & Fools“ (FFF)-Runde ist für viele Startups der erste Schritt. Kapital von Verwandten oder engen Freunden zu erhalten, scheint einfach: Das Vertrauen ist da, die Prozesse sind unbürokratisch. Doch genau diese emotionale Nähe birgt ein enormes Konfliktpotenzial, besonders im Falle des Scheiterns. Einen Angel zu enttäuschen ist unangenehm, aber das Geld der eigenen Eltern zu verlieren und damit die Beziehung zu belasten, ist eine ganz andere Dimension.

Der wichtigste Schritt, um späteren Streit zu vermeiden, ist die radikale Professionalisierung der Beziehung von Anfang an. Behandle deine Tante, die dir 20.000 € leiht, wie einen externen Investor. Das bedeutet: kein Handschlag-Deal, sondern ein sauberer, schriftlicher Vertrag. Eine gängige Form ist hier ein qualifiziertes Nachrangdarlehen. Dieses Instrument stellt klar, dass die Forderung im Falle einer Insolvenz hinter allen anderen Gläubigern zurücksteht. Das schützt das Startup und macht die Risikoposition für alle transparent.

Der zweite Schritt ist die Schaffung von emotionaler Distanz. Ein Weg dorthin ist die Gründung einer „Familien-GbR“, in der die Familienmitglieder gemeinsam investieren. Du kommunizierst dann mit der GbR als Einheit, nicht mit jedem Einzelnen. Eine noch bessere Methode ist das Co-Investment: Bringe deine Verwandten dazu, an der Seite eines professionellen Business Angels zu investieren. Der Angel übernimmt dann die Führung, verhandelt die Konditionen und agiert als Puffer zwischen dir und deiner Familie.

Der absolut entscheidende, aber schwierigste Teil ist das „Schwarzes-Loch-Gespräch“ vor dem Investment. Du musst unmissverständlich klarmachen, dass das investierte Geld mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit einem Totalverlust ausgesetzt ist. Stelle die Frage direkt: „Bist du zu 100 % bereit, dieses Geld als Lehrgeld abzuschreiben, ohne dass es unsere Beziehung beeinflusst, wenn alles schiefgeht?“ Nur wenn die Antwort ein klares, überzeugtes „Ja“ ist, solltest du das Geld annehmen. Alles andere ist ein Rezept für zukünftigen Familienkrach.

Das Wichtigste in Kürze

  • Psychologie schlägt Pitch Deck: Verstehe den Archetyp deines Investors – seine Motivation und Erfahrung sind entscheidender als dein Finanzplan.
  • Cap Table ist Schicksal: Gib in der Seed-Runde niemals zu viele Anteile ab. Eine saubere Anteilsstruktur heute ist deine Eintrittskarte für die Series A morgen.
  • Beweise statt Behauptungen: Zeige Traktion und Umsetzungsgeschwindigkeit. Ein guter Angel investiert in das, was du getan hast, nicht in das, was du tun wirst.

Wie bereiten Sie Ihr Startup auf eine Series-A Finanzierung vor, ohne die Kontrolle zu verlieren?

Nach der Angel-Runde ist vor der Series A. Das Ziel der Seed-Finanzierung ist es, dein Startup so weit zu entwickeln, dass es für institutionelle Investoren (VCs) attraktiv wird. Diese nächste Runde ist eine andere Liga: Die Ticketgrössen sind grösser – Beträge von 0,5 bis 2 Millionen Euro sind hier typisch – und die Prüfungen sind strenger. Die Vorbereitung darauf beginnt am Tag nach dem Angel-Investment, und der Fokus liegt auf zwei Dingen: nachweisbaren Metriken und dem Erhalt der Kontrolle.

VCs investieren nicht in Ideen, sie investieren in skalierbare Geschäftsmodelle, die durch Daten validiert sind. Du solltest mindestens 6-9 Monate vor der geplanten Series A mit dem systematischen Tracking deiner Kernmetriken beginnen. Dazu gehören das Wachstum von Monat zu Monat (MoM Growth), der Customer Lifetime Value im Verhältnis zu den Akquisekosten (LTV:CAC) und die Churn-Rate. Du musst eine klare Geschichte erzählen können, die zeigt, wie das Kapital der Angel-Runde genutzt wurde, um ein funktionierendes, wiederholbares Modell zu schaffen.

Gleichzeitig musst du die Kontrolle über dein Unternehmen behalten. Ein häufiger Fehler ist ein zu grosses Board (Aufsichtsrat/Beirat). In der Frühphase sollte das Board maximal 3-5 Mitglieder umfassen, idealerweise dich, einen Mitgründer und einen führenden Investor. Ein zu grosses Board verlangsamt Entscheidungen und kann zu Pattsituationen führen. Achte auch auf die sogenannten „Protective Provisions“ (Schutzklauseln) in den Verträgen. Diese geben Investoren bei bestimmten Entscheidungen ein Vetorecht. Beschränke diese Klauseln auf wirklich existenzielle Themen (z.B. Verkauf der Firma, Änderung des Geschäftszwecks), nicht auf das operative Tagesgeschäft.

Nutze deine Seed-Angels als Brücke zur Series A. Sie sind dein bestes Instrument für warme Intros zu VCs. Ein Angel, der sein Pro-rata-Recht (das Recht, in der nächsten Runde mitzuinvestieren, um seine Anteile zu halten) ausübt, sendet zudem ein extrem starkes positives Signal an neue Investoren. Deine Aufgabe ist es, aus deinen ersten Geldgebern deine überzeugtesten Botschafter zu machen.

Jetzt, da du die Denkweise von Angels und die Mechaniken der Frühphasenfinanzierung verstehst, ist der nächste logische Schritt, dein eigenes Startup und deine Investoren-Ansprache gezielt auf diese Realitäten auszurichten. Eine ehrliche Selbstanalyse und die richtige Positionierung sind der Schlüssel zum Erfolg.

Häufige Fragen zur Finanzierung durch Business Angels

Welche Vertragsform sollte bei Verwandten-Darlehen gewählt werden?

Ein qualifiziertes Nachrangdarlehen ist eine gängige und sinnvolle Option. Hierbei erklärt sich der Darlehensgeber (der Verwandte) bereit, im Falle einer Insolvenz des Unternehmens mit seiner Forderung hinter alle anderen Gläubiger zurückzutreten. Dies schützt das Unternehmen und macht die Risikostruktur transparent. Oft wird auch ein Wandlungsrecht vereinbart, das dem Investor erlaubt, das Darlehen später in Unternehmensanteile umzuwandeln.

Wie wird die emotionale Distanz bei Familien-Investments geschaffen?

Um die emotionale und geschäftliche Ebene zu trennen, gibt es zwei bewährte Methoden. Erstens: die Gründung einer Familien-GbR, die als einziger Ansprechpartner für das Startup agiert. Zweitens, und oft noch besser: das Co-Investment an der Seite eines professionellen Business Angels. Dieser agiert als Lead-Investor, verhandelt die Konditionen und dient als Puffer zwischen Gründer und Familie.

Was ist das wichtigste Gespräch vor dem Investment von Freunden oder Familie?

Das absolut entscheidende Gespräch ist das „Schwarzes-Loch-Gespräch“. Hierbei muss der Gründer unmissverständlich klarmachen, dass das Investment einem extrem hohen Risiko ausgesetzt ist und mit einem Totalverlust enden kann. Es muss die explizite Bereitschaft des Investors eingeholt werden, das Geld komplett abzuschreiben, ohne dass die persönliche Beziehung darunter leidet. Nur ein klares „Ja“ auf diese Frage rechtfertigt die Annahme des Geldes.

Geschrieben von Sabine Kurz, Erfahrene Interim-CFO und Expertin für Unternehmensfinanzierung mit Schwerpunkt auf Liquiditätssteuerung und Restrukturierung. Seit 14 Jahren begleitet sie KMUs und Startups durch kritische Wachstumsphasen und Finanzierungsrunden.